Stefan Leins

"FREE YOUR MIND"!


TIBET -1.Kora (Umrundung) des Kailash).
Die Fotos sind nicht nur von der Kora, sondern der gesamten West-Tibet-Reise, auch vom Ausgangs,- und Endpunkt Kathmandu, Nepal.

Auszug aus meinem Tagebuch der Reise:

….die Stimmung im Team ist ambvivalent – was ist am Pass auf 5700m los? Geht das übrhaupt? Chumba meint: „rauf schon, aber runter ist für uns (Touris) unmöglich!“ Also erstmal abwarten.
Im Laufe des Vormittags kommt plötzlich die Ansage unseres Guide Chumba: „Abbruch – zurück“! Na, großartig. Das Wetter stellt sich als Wintereinbruch dar, Schneeregen, starker Wind, Nebel, Kälte. Eine Umrundung scheint momentan unmöglich.
Die komplette Crew ist am packen, da meint Chumba nebenbei, dass er die Kora trotzdem mache und erst am Morgen des nächsten Tages zur Truppe zurückkomme. Kurzentschlossen frage ich, ob ich ihn begleiten dürfe. Statt 3 oder 4 Tagen Kora, müssen jetzt halt 2 Tage reichen. Chumba sagt zu mir: „Jetzt musst du denken!“ Was treibt mich, bei einem solchen Scheisswetter dieses Risiko zu gehen? Ich fühle mich stark, vom Manasarovar-See  (weibl. Gegenstück zum Kailash) immernoch geladen.

Zu Chumba, der den Rückmarsch organisieren muss,  sage ich: Ich geh‘ schon mal vor!“ Keine Zeit verlieren ist mein Gedanke, denn gegen Mittag soll der Gegenwind beim Abstieg dermassen brutal blasen…
Der Schneefall wird stärker, mir begegnen Gruppen auf dem Rückweg. Mir kommt es so vor, als läuft ausser mir niemand mehr in Richtung „Dölma La“. An zwei Stellen, Kloster und Rasststation warte ich auf Chumba. Hinter einen grossen Felsen gekauert, harre ich der Dinge – die hauptsächlich aus Nässe und Schneefall bestehen. Das Warten kühlt mich aus. „Scheisse, verdammte! Wo bleibt der Kerl?“ Eine "Erste Hilfe Folie" wickele ich mir um die Hüften, damit ich mir nicht den Tod hole.

Zwei Tibeter gehen in Richtung Pass und einer meint zu mir und zeigt hoch: „Auf, weiter!“ Und ich gehe und warte nicht länger. Dann eben allein, oder besser: halte ich es für eine Superidee, den Tibetern auf Sichtweite zu folgen. Dass ich das Tempo niemals mitgehen kann, kommt mir nicht in den Sinn.
Auf halbem Weg den Pass hoch, kommen vier junge TibeterInnen vorbei. Eine nimmt mich bei der Hand und fragt: „Bist du o.k?, bist du allein?, wo ist dein Team? Ich beantworte ihr alles positiv, bzw. dass ich sicher sei, mein tibetischer Führer oder ein Sherpa kommt bestimmt hinterher.
Es weht ein eisiger Wind, der mir ins Gesicht peitscht, die Brille beschlägt andauernd und die nasse Hose zieht es ständig nach unten. Genaugenommen bin ich also schon beim Anstieg bis auf die Unterhosen nass. Soll ich umkehren? Was macht das für einen Unterschied? Ruhig nachdenken! Einzelne Tibeter und –Hunde- kommen an mir vorbei, bzw. die Hunde begleiten mich (wenn die vom Begräbnisplatz am Anfang der Kora stammen, ist das ein zweifelhaftes Vergnügen), fällt mir auf ca. 5500m Höhe ein, ich könnte erstmal kacken. Das verteibt auch den zähesten Leichenfledderer!
O.k., also weiter. Zehn Schritte gehen, durchatmen, kleine Ziele setzen, irgendwann wird der Pass seinen Höhepunkt haben. Dann kommt der Moment den ich als „Punkt 0“ beschreibe: der vorgetretene Fusspfad durch das Geröll ist zugeschneit. Kein Weg, kein Hinweis, kein Mensch. Nur eine Krähe und zwei räudige Köter bleiben im meiner Nähe. Punkt 0 bedeutet für mich – du hast verloren, du hast dich übernommen, verzockt, das ist dein Ende. Einfach weiter gerade aus funktioniert nicht, weil ich durch das verschneite Geröll ohne Stock nicht laufen kann, mir höchstens ein Bein brechen würde. Die Ausweglosigkeit macht mich kurz panisch.


Mir kommt ein Bild meines Sohnes Tim ins Bewusstsein. So einen Abgang will ich einfach nicht. Ist das Todesangst? Es ist wie eine Lähmung, die Atemnot tut ihr übriges.

Doch die ist aus unerfindlichen Gründen wie weggeblasen. Völlige Klarheit und Konzentration helfen mir irgendwie weiter, reiss' dich zusammen! Dann höre ich entfernte Rufe. Sucht mich jemand?
Den Tränen nahe, komme ich am „Gipfel“ an, ein flacher Platz, der mit Gebetsfahnen übersät ist. Unzählige Steinhaufen sind auf diesem Peak entstanden. Es ist keine Menschenseele zu sehen und zu hören ist ausser meinem Schnaufen auch nichts. Mit mystischer Stimmung, Freude oder einem majestätischen Blick auf den Kailash ist Essig. Ich will auf dem schnellsten Weg wieder zurück. Und zwar ganz zurück, d.h. 25km Fussmarsch durch den Schnee. Wo ist der Weg nach unten? Das darf doch alles nicht wahr sein. Rechts unter mir sehe ich einen See, aber keinen eindeutigen Wegweiser. Steinhaufen gibt es zu Hunderten. Da sehe ich plötzlich etwa 70 Meter links hinter mir eine alte Tibeterin zu mir herschauen. Alles klar, Danke! Ich beeile mich, dass sie mir nicht abhaut. Auch mit einer wahrscheinlich über Siebzigjährigen kann ich es auf dieser Höhe tempomäßig kaum aufnehmen. Die Grossmutter wartet auf mich und legt dann mit einem geschnitzten Gehstock los – aber Hallo! Die Frau legt eine neue Form der skilosen Abfahrt hin, solide Stocktechnik. Der lange Rock scheint beim Stabilisieren zu helfen. Natürlich komme ich trotz wiedergewonnener Kräfte  schlecht hinterher. Aber im Rücken kommt die Nachhut der Oma, offenbar ein Ehepaar. Der Mann gibt mir einen Stock, einfach so. Ein Blick scheint zu genügen. Wieder kann ich kaum die Tränen zurückhalten.

Die Hilfe kam, als ich sie am dringendsten brauchte: Ist das nun alles eine fahrlässige Selbstüberschätzung oder notwendige Grenzerfahrung gewesen? Löse ich damit schlechtes Karma auf? Was soll die Grübelei? Die Oma lacht jedesmal, wenn es sie auf den Hintern wedelt. Leider fehlt mir gerade die Lockerheit zum mitlachen. Um den Weg heute noch zu vollenden, ist es für micht nicht nachvollziehbar weit: 20 oder 25km? Tropfnass und körperlich angeschlagen, bin ich trotzdem völlig klar. Das bringe ich jetzt zu Ende.
Mit der tibetischen Familie kehre ich nach mühsamen Absiteg in ein Zelt unterhalb des Passes auf einen Tee ein. Mühsam ist der Abstieg eben auch für Einheimische, da sie mit dem Stock einen Weg suchen müssen. Sie versacken genau wie ich bis zu den Knien im Schnee, oder was besonders hinterhältig ist: unter der Schneedecke setzt Tauwetter ein und Bächlein sind nur durch Stockarbeit auszumachen. Und wo mal ein Fluss den Hang herunterfloss, sind es jetzt unzählige.
Ich trinke zwei Tassen Schwarztee und will weiter. Wo gehts nach Darchen? Man zeigt mir die Richtung. Auf geht’s! Nach 30 Metern erkenne ich, dass ich ohne Führung weiterhin völlig aufgeschmissen bin. Ich stolpere und falle, Weg = Fehlanzeige. Also zurück zur Raststätte.
Erstaunlicherweise merke ich gar nicht, dass Schuhe, Socken, Hosen klatschnass sind. Vielleicht hat es drei, vier Grad über 0. Ich bin dermassen fixiert, das Ziel zu erreichen, dass mir warm ist und ich mich fit fühle. Die tibetische Familie geht mit mir. Wir überqueren Bäche und Flüßchen, über Steine hüpfend. Wie schafft das die alte Frau, frage ich mich? Wenn es jetzt noch einen ins Wasser haut, haben wir ein dickes Problem. Konzentriert hüpfe ich den Dreien hinterher. Der Mann fragt mich öfter nach der Uhrzeit. Ich zeige ihm meine Ethno-Swatch, auf der nur Figuren, statt Zahlen abgebildet sind. Er braucht ein paar Minuten, um sich zurechtzufinden. Zu was braucht der alle halbe Stunde die Zeit? Oh, Dämmerung! Als wir uns dem letzten Kloster auf der Kora nähern, macht er mir klar, dass hier geschlafen wird. Es ist 20:00 Uhr. Na, dann geht ihr mal schlafen. Meiner „Schätzung“ nach könnten es jetzt nur noch 8-12km  bis Darchen sein.
„Tschüss und vielen Dank!“ Kurz überlege ich, Ihnen Geld anzubieten. Aber mir ist jetzt alles scheissegal. Ich laufe den Rest auch noch. Es schneit nicht mehr in diesen niedrigeren Lagen. Der Weg liegt eindeutig vor mir. Aber es wird schnell dunkel und beim Müllhaufen vor Darchen wartet die Hundemeute! In Gedanken suche ich schon nach griffigen Steinen….




Da heute Vollmond ist, glücksverheissend, wie ich später erfahre, gehe ich auch in der Nacht von guten Sichtverhältnissen aus. Wenn es aber stark bewölkt und neblig ist, reicht die Sicht genau, um nicht aufs Maul zu fallen.Wo ist denn nur endlich dieses gottverdammte Darchen? Ein Glück ist mein Skidoo von Napapijri. Bis auf die Zehen, fühle ich mich recht behaglich. Die steifgefrorenen Zehen waren am Pass, aber das ist längst vorbei. In der Ferne sehe ich ein Licht flackern. Na klar, sie suchen mich!

Das war nun eine völlige Täuschung. Als das Lichtlein näher kommt, erkenne ich zwei Jugendliche mit Taschenlampe. „Tashe Delek!“ „How long does it take to Darchen?“ Mit gebrochenem Tibet-Englisch erzählt mir das Mädchen etwas von 2. 2 Stunden oder 2 Kilometer? Positiv naiv gehe ich mal von 2 Kilometern aus. Es ist 21:00 Uhr und stockdunkel. Bei jedem größeren schwarzen Umriss gehe ich erstmal von einem Köter aus (besser kein Mastiff). Die beiden Kids haben mich auch noch mal vor der Hundemeute am Ortseingang gewarnt..
Es geht nun relativ steil am Hang entlang. Unter mir fliesst der Prahmaputra. Nach unten sind es bestimmt hundert Meter und ich laufe dreissig Zentimeter am Abgrund vorbei. Langsam kommt mir die Aktion fast absurd vor. Was könnte denn jetzt noch für ein Hindernis auftauchen? Abwarten! Zum Beispiel kommt noch eine „Brücke“: runde, glitschige Holzbalken, dazwischen Steine gelegt und als Highlight des vorgerückten Abends eine Ansammlung sich bewegender schwarzer Punkte. Hätte ich inzwischen Halluzinationen gehabt, wäre das nicht wirklich überraschend gewesen. Nein, die Yaks waren zurück. Gerade rechtzeitig sozusagen. Für die Kora waren nämlich sämtliche Yaks für ein Nomadenfest abgezogen worden, auch für unser Team waren nur Sherpas als Träger zu gewinnen. Na super! Jetzt komme ich in den Genuss, mich bei Nacht mit 150 Stück anzufreunden. Da meine Yak-Erfahrungen eher bescheiden sind, nähere ich mich den Riesenviechern mit Vorsicht. Lässig lassen sie mich passieren. „Passt auf eure Hörner auf!“ Zwei Bullen tragen einen Kampf aus, die Hörner krachen laut aufeinander.
Noch schöner als die Tiere finde ich im Moment die Lichter in der Ferne. Autohupen kann ich auch hören. Oh Mann, endlich! Auf die Uhr schaue ich nicht mehr. Nur noch die Kloake von Guesthouse finden und… da sind sie ja, die Wächter der Stadt. Ein Gebell empfängt mich. Wie viele mögen das wohl sein? Steine sind keine gute Lösung. Deutsches Liedgut könnte beruhigend wirken. “Ich armes welsches Teufli bin müde vom marschieren!“
Scheinbar haben auch die räudigsten Tölen Mitleid mit durchgeknallten Touristen. Gegen 23:00 Uhr komme ich im Guesthouse an.
Etwas überrascht schauen mich die Fahrer an. „Wo kommst du her“? „Na, von der Kora“. Das finden sie jetzt ziemlich toll und das Bier fliesst in Strömen.
Die bittere Nachricht kommt dann erst noch. Chumba und der Koch haben mich am Pass gesucht – zweimal rauf und runter. Das ist natürlich peinlich. Ich habe mir  nie überlegt, dass jemand Angst um mich haben könnte. Ich ging davon aus, Chumba hätte sich nur verspätet. Asche auf mein Haupt! Chumba ist sauer. "An Abmachungen hat man sich zu halten!" Das tut mir immernoch sehr leid. (Auf dem Rückflug lese ich online, dass ein Tourist am Kailash verstorben ist).

to be continued....